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Die interdisziplinäre Zusammenarbeit unterschiedlicher Wissensgebiete versetzt uns in die Lage, über architekturpsychologische und stadtsoziologische Themen wissenschaftlich fundierte Untersuchungen anzufertigen. (Siehe auch die Liste der Publikationen)
Die Entwicklung eines idealtypischen geriatrischen Zentrums unter stadtsoziologischen und architektonischen Aspekten
Vortrag zur hochschulöffentlichen, wissenschaftlichen Disputation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor-Ingenieur an der Fakultät Architektur der Bauhaus-Universität Weimar
0. Einführung und Überblick Guten Tag meine Damen und Herren. Das Thema meines Dissertationsvortrages lautet: Die Entwicklung eines idealtypischen geriatrischen Zentrums unter stadtsoziologischen und architektonischen Aspekten. Bevor ich über den Inhalt meiner Arbeit im Einzelnen referiere, möchte ich Ihnen zunächst einen kurzen Überblick über die Gliederung meines Vortrages geben. Beginnend mit der Relevanz des Themas sowie den einleitenden Fragestellungen und Grundannahmen werde ich zur wissenschaftstheoretischen Fundierung meiner Arbeit kommen, um Ihnen anschließend die sozialwissenschaftlichen Grundlagen zum Thema der alten und kranken Menschen in der Gesellschaft sowie im Raum vorzustellen. Die daraus abzuleitenden Anforderungsprofile und Handlungsstrategien zur Entwicklung eines idealtypischen geriatrischen Zentrums werden untermauert durch negative wie positive Beispiele bestehender Wohnformen und Einrichtungen der medizinischen Versorgung. Ich schließe den Vortrag mit einer Zusammenfassung der interdisziplinären Ergebnisse und Einordnung der Arbeit in die aktuelle Forschung sowie einem Ausblick auf zukünftige Themen.
0.1 Ausgangslage und Relevanz des Themas Die drei folgenden Thesen bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit: 1.Keine andere Gruppe unserer Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren einen solchen Bedeutungszuwachs erlebt wie die alten und älteren Menschen. Dies gilt zunächst rein quantitativ, wie die demographischen Entwicklung zeigt. Aber auch qualitativ zeichnet sich eine Neubewertung der verschiedenen Lebensphasen ab, die zu einer Höhergewichtung des Alters führt. 2.Architektur und damit die gebaute Umwelt sind von besonderer Bedeutung für die Lebensführung älterer und kranker Menschen, da diese Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer fortschreitenden Immobilität den Einflüssen des engeren Wohnumfeldes stärker als andere Gruppen ausgesetzt sind. 3.Während in der Soziologie, der Psychologie und der Medizin verstärkt gerontologische Fragestellungen bearbeitet werden, um Handlungskonzepte zu entwickeln, die der steigenden Bedeutung des Alters in unserer Gesellschaft entsprechen, haben diese Themen im Bereich der Architektur bislang nur randständige Bedeutung. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, exemplarisch anhand des Entwurfs eines idealtypischen geriatrischen Zentrums zu zeigen, wie Architektur und Städteplanung einen eigenständigen Beitrag dazu leisten können, die Probleme des Alters in der heutigen Gesellschaft anzunehmen und zu bewältigen. Es gilt aufzuzeigen, wie durch eine nutzerorientierte Umgestaltung städtischer Quartiere neue urbane Erlebnisräume insbesondere für ältere und kranke Menschen geschaffen werden können. Die Arbeit setzt zum einen an stadtplanerischen Defiziten der vergangenen Jahrzehnte an und verdeutlicht, wie ein bedürfnisgerechtes, innerstädtisches geriatrisches Zentrum dem Leitbild der „humanen Stadt“ zu entsprechen vermag. Zum anderen greift sie die aktuelle gesundheitspolitische Debatte auf und weist nach, dass die bestehenden Einrichtungen den Bedürfnissen insbesondere alter und kranker Menschen nicht mehr gerecht werden. Es soll gezeigt werden, dass ein stadtteilorientiertes Zentrum als integrale Verbundlösung, die alle notwendigen Wohn- und medizinischen Versorgungsstrukturen unter einem Dach vereint, ideal dazu geeignet ist, die stadtplanerischen und baulichen Anforderungen unserer Zeit auf geriatrischem und pflegerischem Gebiet nachhaltig zu erfüllen.
0.2 Leitende Fragestellungen und Grundannahmen Meiner Arbeit liegen die folgenden leitenden Fragestellungen zugrunde: 1.Wie ist die sozialpolitische Situation der Alten in unserer Gesellschaft zu bewerten? 2.In welchen räumlichen Gegebenheiten und mit welchen Wohnbedürfnissen leben ältere Menschen in unserer Gesellschaft? 3.Erfüllen die bestehenden geriatrischen Einrichtungen die Bedürfnisse älterer Menschen? 4.Welche nutzerorientierten stadtsoziologischen und architektonischen Anforderungsprofile hat ein idealtypisches geriatrisches Zentrum zu erfüllen? 5.Wie können die Ergebnisse der Anforderungsanalyse in konkrete architektonische und städtebauliche Handlungsstrategien umgesetzt werden? Aus diesen Fragestellungen leite ich die folgenden Grundannahmen ab: 1. Auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse sowie der Analyse bestehender Versorgungseinrichtungen können allgemein gültige Handlungsanweisungen für die Planung und Realisierung zukünftiger, nutzerorientierter Gebäudestrukturen in der Architektur und Stadtplanung entwickelt werden. 2. Nur städtebauliche und architektonische Planungskonzepte, die interdisziplinär entwickelt werden, d.h. stadtökologische, stadtsoziologische, psychologische und medizinische Erkenntnisse über alte Menschen in unserer Gesellschaft miteinander verbinden, können den stadtgestalterischen und baulichen Defiziten der gegenwärtigen Versorgungseinrichtungen wirkungsvoll begegnen. Damit vermag Architektur einen eigenständigen Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher Problemlagen zu leisten. 0.3 Wissenschaftliche Vorgehensweise und interdisziplinärer Ansatz Wissenschaftliche Forschung bedingt den Einsatz von Methoden, die es ermöglichen, Ergebnisse als allgemeine Folgerungen darzustellen und das Verhältnis der einzelnen Wissenschaften zueinander festzulegen. Diese Methoden zu entwickeln ist das Aufgabengebiet der Erkenntnistheorie, die als selbstständige Wissenschaft erstmals im 17. Jahrhundert aufkommt. In der Erkenntnistheorie sind zwei grundsätzliche Strömungen zu unterscheiden: zum einen der normative Ansatz, zum anderen der empirische Ansatz. „In der aktuellen Diskussion,“ schreibt Quine 1986,“ scheint die normative Perspektive in die Defensive gedrängt zu sein. Die Naturalisierung der Erkenntnistheorie eliminiert das Normative, um sich mit der indifferenten Beschreibung tatsächlicher Prozeduren zufrieden zu geben. Für mich ist die normative Erkenntnistheorie ein Zweig der Ingenieur- und (Architektur) kunst. Sie ist die Technologie der Vorhersage. Es geht hierbei nicht um die letztgültigen Werte wie in der Moral; es geht um die Effizienz in Bezug auf das zugrunde gelegte Ziel. Das Normative wird hier, wie auch anderswo in der Ingenieur- und (Architektur)kunst, deskriptiv, sobald der Zielparameter explizit gemacht ist.“ In meiner Arbeit verbinde ich sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse mit Fragestellungen aus dem ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Aufgrund der Interdisziplinarität der Arbeit, die in der Problematik der Übertragung soziologischer Anforderungsprofile in architektonische und baukonstruktive Handlungsanweisungen verortet ist, erscheint mir die analytisch-induktive Methode einer beobachtenden, normativen Vorgehensweise am ehesten geeignet, die komplexen Zusammenhänge darzustellen und intersubjektiv überprüfbar zu machen. Das Wesen normativer oder Normwissenschaften wie beispielsweise auch der Logik, Ethik oder Ästhetik besteht nach einer Definition von Husserl aus dem Jahre 1983 darin, dass sie allgemeine Sätze begründet, in welchen mit Bezug auf ein normierendes Grundmaß – z.B. eine Idee oder einen obersten Zweck – bestimmte Merkmale angegeben sind, deren Besitz die Angemessenheit an das Maß verbürgt oder umgekehrt eine unerlässliche Bedingung für diese Angemessenheit beistellt. Dies heißt, dass Normen und Werte menschlichen Denkens, Handelns oder künstlerischen Schaffens als Grundlage und Maßstab dadurch anerkannt werden, indem Tatbestände von anderen durch das Moment der besonderen Wertschätzung unterschieden und gleichzeitig erklärt werden. Dies bedeutet konkret für den Ansatz meiner Arbeit: Ich beginne mit der Analyse der Lebensbedingungen, Wohnformen und Versorgungseinrichtungen für alte und kranke Menschen in Deutschland, um daraus eine Rechtfertigung meiner Forderung nach einem idealtypischen geriatrischen Zentrum abzuleiten. Sobald diese Bedingungen dargestellt sind, lässt sich klären, wie die Struktur dieser Elemente idealerweise auszusehen hat, um die neuen nutzerorientierten Anforderungen zu erfüllen. Auf diese Weise wird die korrekte Struktur der Rechtfertigung aus rein normativen Überlegungen gewonnen. Im Anschluss daran folge ich dem deskriptiven Ansatz in der Erkenntnistheorie, um die städtebaulich und architektonisch vorhandene Struktur der Wohnformen und Versorgungseinrichtungen für alte und kranke Menschen in Deutschland deskriptiv zu ermitteln. Beide Ansätze für sich alleine zu verwenden, hätte gravierende Schwächen. Während der deskriptive Ansatz dogmatisch erscheint und nicht erklärt, warum die Struktur der vorhandenen und neuen Elemente falsch oder korrekt sein soll, ist der normative Ansatz allein nicht dazu geeignet, eine Rechtfertigung der tatsächlichen Struktur zu ermöglichen. Ich habe daher für meine Arbeit die von Quine bereits 1986 geforderte induktive Methode gewählt, indem ich beide Ansätze in der Weise verbinde, dass ich zunächst die Randbedingungen und vorhandenen Strukturen beschreibe und danach die Frage beantworte, unter welchen Bedingungen die Struktur eines idealtypischen geriatrischen Zentrums die korrekte Struktur sein kann. In diesem Zusammenhang verwende ich zwei Begriffe, die für die wissenschaftliche Vorgehensweise in meiner Arbeit von besonderer Bedeutung sind: Das theoretische Konstrukt Die operationale Definition Was heißt das im Einzelnen? Als theoretisches Konstrukt wird in meiner Arbeit die Summe der geeigneten Wohnformen für alte und kranke Menschen sowie der geriatrischen Hilfs- und Pflegeeinrichtungen in Form eines idealtypischen geriatrischen Zentrums bezeichnet. Von diesem theoretischen Begriff ausgehend wird untersucht, was diesem Konstrukt in der Beobachtungswelt entspricht. Das heißt, ich ersetze diesen theoretischen Begriff durch mir zugängliche Beobachtungen, dies bezeichne ich als operationale Definition, um zu zeigen, aus welchen einzelnen Elementen ein idealtypisches geriatrisches Zentrum aufgebaut ist und wie diese den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden können. Eine induktive Methode zu verwenden bedeutet letztendlich, die Richtigkeit einer Hypothese durch das Überprüfen der einzelnen Elemente in der Wirklichkeit zu beweisen, um aus dieser Beobachtung ein allgemein gültiges Gesetz abzuleiten. Der induktive Schluss lautet somit an dieser Stelle: Wenn alle einzelnen Elemente eines geriatrischen Zentrums auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet sind, dann ist auch das Zentrum insgesamt in idealer Weise darauf ausgerichtet. Ich komme nun zu den sozialwissenschaftlichen Grundlagen meiner Arbeit. 1. Alter und Altern heute Das Altern der Gesellschaft ist heute zu einer zentralen Thematik in der gesellschaftspolitischen Diskussion geworden. Seit den 1980er Jahren beeinflussen der Strukturwandel der Alterslebensphase, die Krise der Familie und die gesellschaftlichen Singularisierungstendenzen zunehmend die Lebenssituation älterer Menschen, indem diese von einem individuellen Familienproblem vermehrt zu einem Problem der Öffentlichkeit wird. Im Gegensatz zu früher hat sich heute das Bewusstsein durchgesetzt, dass die Probleme, die das Alter mit sich bringt, keineswegs naturgegeben, schicksalhaft und unveränderlich sind, sondern durch koordinierte gesellschaftliche Anstrengungen gelöst oder zumindest abgemildert werden können. Auch erscheinen ältere Menschen nicht mehr als passive Hilfeempfänger oder gar Bittsteller, sondern sind zu einem gesellschaftlichen Machtfaktor ersten Ranges geworden. Als von den Parteien umworbene Wahlklientel, als zunehmend wichtiger Konsumfaktor wie auch als Inhaber eines milliardenschweren, zu vererbenden Vermögens bitten sie nicht mehr um die Solidarität der Gesellschaft, sondern fordern sie ein. Bis in die 1980er Jahre standen Architektur und Stadtplanung in den Industriestaaten überwiegend unter dem Diktum ökonomischer Interessen der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Es ging vornehmlich um Modernisierung und Rationalisierung. Das Ergebnis war und ist ein Nebeneinander mehr oder weniger effizienter Funktionsräume von Verkehrsstraßen, Bürokomplexen, Industriearealen, Fußgängerzonen, Wohnblocks etc.. Damit war und ist gleichzeitig ein erheblicher Verlust an Urbanität für die eigentlichen Stadtbewohner verbunden. Ein Umdenken hin zum Leitbild einer „humanen Stadt“, welches den Menschen in den Mittelpunkt aller Planungen stellt, hat seit de 1980 Jahren begonnen und wird an zwei Entwicklungen besonders deutlich: 1. Mit dem Aufstieg des Umweltschutzes zum politisch-gesellschaftlichen Leitthema ist das Konzept der ökologischen Stadterneuerung in das Blickfeld der Stadtplaner und Architekten gerückt worden. Dieses Konzept steht im direkten Gegensatz zu der raumexpansiven, ressourcen- und gesundheitsgefährdenden Stadtplanung der industriellen Moderne. 2. Die postmodernen Städtebaukonzeptionen sind eine Reaktion auf das Scheitern der utopischen Konzepte der Moderne. Gegen die Rationalisierung der Lebenswelt wird ihre Ästhetisierung gesetzt; nicht mehr Funktionalität und Zweckmäßigkeit stehen im Vordergrund, sondern Erlebniswert und Atmosphäre. Verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen leisten seit den 1990er Jahren wichtige Beiträge zur theoretischen Verwirklichung humaner sozialräumlicher Umwelten. Dazu zählen vor allem: a.die Sozialökologie, der es „um die Verwirklichung neuartiger und inspirierender Bündnisse zwischen Tradition und Moderne, von Ökologie und Hochtechnologie, von Mitweltlichkeit und Professionalität, von Regionalität und Globalität“ geht, b.die Ökologische Psychologie, die darauf abzielt, Umwelten aus dem Blickwinkel besonderer Personengruppen zu analysieren und Vorschläge zur Umweltgestaltung auf diese Besonderheiten abzustimmen, und c. die Ökologische Gerontologie, die die Beziehungen älterer Menschen zu ihren räumlich-sozialen Umwelten in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses stellt und an der bedürfnisorientierten Optimierung dieser Umwelten arbeitet. In diesem theoretischen Umfeld soll meine vorliegende Arbeit verortet sein und zeigen, dass eine interdisziplinäre Ausrichtung für zukünftige Stadt- und Architekturplanungen unabdingbar ist.
2. Alte und kranke Menschen in der Gesellschaft Die Definition des Stellenwertes alter Menschen in unserer Gesellschaft dient in meiner Arbeit als Grundlage für Entscheidungen zur nutzer- und bedarfsgerechten Stadt- und Architekturplanung. Im Einzelnen sind folgende Aspekte hierbei zu berücksichtigen: 1.Die Theorien des „erfolgreichen Alterns“ zeigen, dass die Lebenszufriedenheit älterer Menschen der beste Indikator für eine gelungene Anpassung an den Alternsprozess und damit für erfolgreiches Altern ist. Zwei Entwicklungen aus dem politischen bzw. ökonomischen Bereich spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Zum einen werden die älteren Menschen aufgrund der demographischen Entwicklung als Wählergruppe immer wichtiger, so dass die Parteien schon aus wahlstrategischen Gründen dazu gezwungen sind, sich ihnen verstärkt zuzuwenden. Zum anderen hat sich die materielle Situation und damit die Kaufkraft der älteren Menschen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. 2.Ältere Menschen neigen dazu, ihr Selbstbild dem Altersbild anzupassen, das in der Gesellschaft vorherrschend ist, wobei in der öffentlichen Diskussion negative Stereotype wie das „Defizitmodell“ als auch positive wie das vom „neuen Altern“ anzutreffen sind. 3.Es ist das Ziel des Gesetzgebers, den Grundsatz der „Prävention vor Rehabilitation und Rehabilitation vor Pflege“ als zentrale Maximen der neuen Altenpolitik und Altenhilfe zu fördern. 4.Immer mehr Menschen leben heute immer länger, leiden aber am Ende ihres Lebens auch unter immer mehr Krankheiten (Multimorbidität des Alters). 5.Das subjektive Krankheitsempfinden älterer Menschen ist für ihr Wohlbefinden und ihre Lebenszufriedenheit mindestens genauso wichtig wie das „objektive“ medizinische Bild und stellt außerdem den stärksten Prädiktor für Langlebigkeit dar. 6.Es entspricht den grundlegenden Bedürfnissen älterer Menschen, ihnen so lange wie möglich ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung zu ermöglichen. 7.Soziale Integration ist eine der zentralen Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit im Alter. Sie geht mit einer besseren Gesundheit, einem höheren Wohlbefinden und einer höheren Lebenserwartung einher. 8.Das Aktivitätsniveau im Alter nimmt zu mit der Folge der Entwicklung einer breiten Palette differenzierter Freizeitstile, wodurch sich die allgemeine Lebenszufriedenheit älterer Menschen erhöht hat.
3. Alte und kranke Menschen im Raum Nach den Betrachtungen zur gesellschaftlichen Bedeutung des Alters habe ich mich in meiner Arbeit anschließend mit der Bedeutung von Raum und Umwelt für ältere und kranke Menschen und den sich daraus abzuleitenden Bedürfnissen beschäftigt. Dabei erfolgte eine Orientierung an der aus Stadtsoziologie und Sozialökologie bekannten Dreiteilung in Makroebene in Form der Stadt, Mesoebene in Form des Quartiers oder Stadtteils und Mikroebene in Form der Wohnung. Folgende zentrale Aussagen habe ich meiner Arbeit zugrunde gelegt: 1.Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten räumlichen Umgebung und der heimatlichen Geborgenheit in einer solchen zählt zu den zentralen Bedürfnissen älterer Menschen und trägt wesentlich zur Stabilisierung bzw. Erhöhung der Lebenszufriedenheit im Alter bei. 2.Ältere Menschen entwickeln eine starke Identifizierung mit ihrer Wohnung als Träger von Erinnerungen und damit Teil der eigenen Biographie. 3.Nach den gängigen Theorien zur Person-Umwelt-Beziehung im Alter wird die Selbstständigkeit älterer und kranker Menschen nur dann erhalten bzw. gefördert, wenn es gelingt, ihre Fähigkeiten zur Adaptation an Umweltbedingungen zu stärken, eine Kongruenz zwischen Umweltgegebenheiten und Bedürfnissen herzustellen bzw. ihr Bewältigungsrepertoire hinsichtlich der Anforderungen der Umwelt zu verbessern. 4.Zu den herausragenden Bedürfnissen älterer Stadtbewohner gehört das Bedürfnis nach Sicherheit, sowohl vor häuslichen Unfällen und vor Kriminalität als auch der Verkehrssicherheit sowie der Sicherheit (Unantastbarkeit) der Privatsphäre. 5.Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und Selbstständigkeit älterer Menschen hängen aufgrund ihrer eingeschränkten Aktionsräume stark davon ab, dass sie alle für sie wichtigen Einrichtungen in fußläufiger Erreichbarkeit vorfinden. 6.Soziale Netzwerke sind von primärer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit älterer Menschen. In sozialräumlicher Hinsicht stellen vor allem Nachbarschaftsnetzwerke eine wichtige Quelle für Hilfe und Unterstützung dar und erscheinen heute als eine der zentralen Ressourcen für urbane Lebensqualität. 7.Ein weiteres wesentliches sozialräumliches Bedürfnis älterer Menschen ist jenes nach Orientierung, verbunden damit, Erinnerung und Vertrautheit zu erfahren. Dies gilt sowohl für das Quartier, in dem sie leben, als auch für das Innere von Gebäuden. 8.Anregende und stimulierende Umweltbedingungen fördern die geistigen und körperlichen Fähigkeiten und die Lebenszufriedenheit älterer Menschen und stellen eine wesentliche Bedingung für Umweltkompetenz im Alter dar. 9.Für die Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit älterer Menschen in ihrer vertrauten Umgebung ist ein ausreichendes Angebot an quartiersbezogenen ambulanten und teilstationären Einrichtungen und Diensten der Altenhilfe erforderlich. 10. Je stärker Gesundheit und Mobilität älterer Menschen eingeschränkt sind, umso mehr benötigen sie eine altengerechte Ausstattung und Einrichtung ihrer Wohnumgebung. Damit enden die sozialwissenschaftlichen Betrachtungen. Im Folgenden geht die Arbeit der Frage nach, ob und inwieweit bestehende Einrichtungen des Gesundheitswesens und des Wohnens im Hinblick auf städtebauliche und baukonstruktive Aspekte den vorgenannten sozialen Bedürfnissen alter und kranker Menschen genügen. 4. Analyse des geriatrischen Versorgungssystems Somit komme ich zur Analyse der bestehenden rechtlichen und städtebaulichen Rahmenbedingungen sowie der Bewertung geriatrischer Versorgungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Bei der Auswahl der untersuchten Wohnformen und Einrichtungen der medizinischen Pflege habe ich mich unter Berücksichtigung der zuvor ermittelten Bedürfnisse der alten und kranken Menschen auf die für ein quartierbezogenes idealtypisches geriatrisches Zentrum notwendigen Funktionen beschränkt. Diese sind im Einzelnen: die Privatwohnungen das betreute Wohnen sowie Wohn- und Hausgemeinschaften und für die medizinischen und Pflegeeinrichtungen die Alten- und Pflegeheime die privaten Seniorenresidenzen die Akutkrankenhäuser und Rehabilitationskliniken die Hospize sowie die Einrichtungen der teilstationären und ambulanten Versorgung. Während man auf Bundesebene Gesetze und Verordnungen zu diesem Themenbereich findet, die lediglich als Empfehlungen an die Verantwortlichen in den Verbänden und Institutionen zu verstehen sind, beschränken sich die Länder, hier am Beispiel des Landes Nordrhein-Westfalen, in ihren landeshoheitlichen Festsetzungen zur Planung, Realisierung und zum Betrieb von Gebäuden des gemeinschaftlichen Wohnens und des Gesundheitswesens darauf, Mindestanforderungen zu definieren. Man sucht in diesen Gesetzestexten vergeblich nach bewohnerorientierten einklagbaren Vorgaben zum Bau und Betrieb solcher Einrichtungen. 4.1 Die Stadt Die Kritik an den bestehenden Stadtstrukturen führt mich zurück zur Monofunktionalität nebeneinander aufgereihter, wirtschaftlich optimierter Stadtteile, die bis in die 1980er Jahre als Leitbild der Stadtentwicklung galt. Seither haben die Bewegungen der ökologischen Stadterneuerung und des postmodernen Städtebaus einiges im Hinblick auf eine Humanisierung der Stadtwelten bewirkt. Wir sind allerdings vom Erreichen dieses Zieles noch weit entfernt und erleben in der Praxis immer wieder, wie Marktmechanismen diese Entwicklung unterlaufen. 4.2 Das Quartier Je älter und immobiler Menschen werden, desto stärker ist der aktiv erlebbare Lebensraum begrenzt. Die Stadt in ihrer Gesamtheit verliert an Bedeutung und gleichzeitig steigt die Wertigkeit des eigenen Ortes, des Stadtteils oder Quartiers. Fehlende räumliche Alternativen oder Ausweichmöglichkeiten zwingen den Bewohner, seine Bedürfnisse dem vorhandenen Angebot anzupassen. Dies bedeutet für die Gruppe der älteren und kranken Menschen vielfach noch immer eine Bedürfnisreduzierung im Alltag. Als Ergebnis meiner Untersuchungen ergeben sich für die vorgenannten Wohnformen auszugsweise die folgenden allgemeingültigen baulichen Kritikpunkte: 1.Es bestehen oftmals Unfallrisiken durch defekte oder mangelhafte Möblierungen und Installationen wie beispielsweise hochstehende Teppichkanten oder frei hängende Elektro- und Telefonkabel. 2.Es bestehen eine Vielzahl baulicher Mängel wie zu kleine Fenster, vorhandene Schwellen zu Balkonen oder Terrassen, nicht rutschsichere Fliesen in Bädern, fehlende Aufzüge, usw. 3.Aufgrund fehlender Beteiligung der späteren Bewohner bei der Grundrissplanung passen mitgebrachte Möbel oftmals nicht in die neuen Wohnungen. 4.Selbst behindertengerecht und rollstuhlgeeignet ausgestattete Küchen sind entweder zu klein, um einen Tisch hineinzustellen (Wohnküche) oder verfügen über Fenster, deren Brüstung so hoch ist, dass man im Rollstuhl sitzend nicht hinausschauen kann. 5.Unterschiedliche Bedürfnisse nach Ruhe, Sauberkeit und Sicherheit werden planerisch nicht berücksichtigt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die baulichen Kritikpunkte der medizinischen Pflegeeinrichtungen lassen sich auszugsweise wie folgt zusammenfassen: 1.Die Gebäude liegen zumeist nicht zentrumsnah, sondern abgelegen am Rand der Städte und Gemeinden, also weit entfernt vom vertrauten Wohnumfeld der Bewohner. 2.Die betriebswirtschaftlich begründete Anzahl der Zimmer in Alten- und Pflegeheimen ist in der Regel so groß, dass die Bewohner kaum in der Lage sind, neue Sozialkontakte zu entwickeln. 3.Die Erschließung der Gebäude erfolgt zumeist über schmale, innen liegende Flure oder Laubengänge. 4.Die Aneinanderreihung immer gleicher Zimmer erschwert die Orientierung im Raum und das Aufkommen von Identitäts- und Geborgenheitsgefühlen. 5.Die Möblierung und Ausgestaltung der Räume ist oftmals vorgegeben und folgt dem Diktum der Pflegeleichtigkeit. Das Mitbringen eigener Einrichtungsgegenstände ist nur in begrenztem Umfang zugelassen. 6.Und vieles mehr. 5. Beispiele zukunftsweisender geriatrischer Einrichtungen im In- und Ausland Neben diesen Negativbeispielen existieren aber auch zukunftsweisende Wohnformen und Pflegeeinrichtungen im In- und Ausland deren Analyse in der Arbeit zu Aussagen im Hinblick auf eine patientenorientierte Pflege und bauliche Konzepte führt, die ich auszugsweise wie folgt zusammenfassen möchte: 1.Bewohner-, Patienten- und mitarbeiterorientierte Planungskonzepte sind auch unter betriebswirtschaftlichen Kriterien heutzutage realisierbar. 2.Die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Bedarfsanalyse, Planung und Realisierung von Einrichtungen des Gesundheitswesens und von Altenwohnungen zwischen den Sozial- und Ingenieurwissenschaften stellt die unabdingbare Voraussetzung dar, Stadt- und Architekturplanungen nachhaltig zum Erfolg zu führen. 3.Die Anforderungen zum behindertengerechten Wohnen wie sie in den DIN 18024 und 18025 festgeschrieben sind, sollten grundsätzlich bei der Planung und Realisierung von Gebäuden jeglicher Nutzung angewendet werden. 4.Wenn Architektur dem gesellschaftlichen Auftrag zur Gestaltung einer humanen Umwelt gerecht werden will, müssen Konzeptionen entwickelt werden, die den Menschen in den Mittelpunkt aller Überlegungen stellen und gleichzeitig offen sind für zukünftige Nutzungsänderungen, beispielsweise im Bereich der Pflege. 5.Die Normalität des Lebens, nicht die Pflege muss im Vordergrund einer patientenorientierten Versorgung stehen. Dieses Prinzip kann durch die Kombination von Wohn- und Hausgemeinschaftsgebäuden sowie quartiersbezogenen Tageskranken- und Pflegebereichen als Teil eines sozialen Netzwerkes baulich gefördert werden. 6.Quartiersbezogene ambulante, rehabilitative Versorgung ermöglicht ein selbstständiges und eigenverantwortliches Leben in der eigenen Wohnung bis ins hohe Alter und kann durch eine alten- und behindertengerechte Architektur (Wohnungsanpassung) gefördert werden. 7.Architektur- und Stadtplanung sollte stets einen Wiedererkennungs-, Erlebnis- und Orientierungswert beinhalten. Die Verwendung vertrauter Materialien, Farben und Formen bei der Gestaltung von Stadträumen und Gebäudekonzeptionen können zum Gelingen einer humaneren Architektur beitragen. 6. Ausgewählte Ergebnisse der Arbeit Die Ergebnisse meiner Arbeit in Form von Anforderungsprofilen und deren Umsetzung in Handlungsstrategien für die einzelnen Wohnformen und medizinischen Pflegeeinrichtungen wurden induktiv aus den zuvor erarbeiteten Kritikpunkten und den positiven Beispielen abgeleitet. Sie zeigen den Zusammenhang zwischen der sozialen Struktur der Gesellschaft und der räumlichen Struktur der Stadt bzw. des Quartiers am Beispiel eines stadtteilgebundenen geriatrischen Zentrums und seiner architektonischen Gestaltung modellhaft auf. Zusammenfassend ergeben sich aus stadtsoziologischer und architektonischer Perspektive die folgenden interdisziplinären Aussagen: 1. Ein geriatrisches Zentrum kann nur dann erfolgreich und bedürfnisgerecht arbeiten, wenn es zur Erhöhung der Lebenszufriedenheit älterer Menschen beiträgt. Die Lebenszufriedenheit gilt heute in den gängigen psychologischen und sozialgerontologischen Modellen als entscheidender Indikator für eine gelungene Anpassung an den Alterungsprozess und ist damit eine wichtige Voraussetzung für „erfolgreiches Altern“. Zu den zentralen Aufgaben eines geriatrischen Zentrums sollte es daher gehören, die älteren Menschen in ihrer Lebenszufriedenheit sowie in ihrem subjektiven Gesundheitsempfinden positiv zu unterstützen. Die baulichen Aspekte sind daher von einem ähnlich hohen Therapiewert wie die richtige Pflege und medizinische Betreuung. Vorhandene geriatrische Einrichtungen zeigen in dieser Hinsicht noch vielfach Defizite. 2. Im Zentrum der Altenpolitik und Altenhilfe steht seit einigen Jahren der Grundsatz der Stärkung der Autonomie und Selbstständigkeit älterer Menschen. Die Verwirklichung dieser Maxime ist nicht nur eine Frage der Organisation, der Hausordnung oder des Pflegeverständnisses, sondern beginnt schon bei der Auswahl der Architektur. Die Bewohnerzimmer sollten so gestaltet sein, dass sie eine individuelle, bedürfnisgerechte Ausgestaltung ermöglichen und das Recht auf Privatheit gewährleisten. 3. Eine der zentralen Voraussetzungen für erfolgreiches Altern ist die Aufrechterhaltung oder Verbesserung der sozialen Integration älterer Menschen. Soziale Integration geht mit einer besseren Gesundheit, einem höheren Wohlbefinden und einer höheren Lebenserwartung einher; Einsamkeit dagegen beeinträchtigt die Gesundheit und die Lebenserwartung. Daher sollten Bemühungen zur Stärkung der Sozialkontakte älterer Menschen zu den zentralen Aufgaben jeder geriatrischen Einrichtung gehören. Traditionelle Einrichtungen erwecken jedoch vielfach den Eindruck, dass diese sozialen und kommunikativen Aspekte weder bei der Planung noch im Betrieb ausreichend berücksichtigt werden. Viel zu große Pflegeabteilungen weit entfernt vom eigenen zuhause gelegen, mit krankenhausartigen Grundrissen verhindern das Zustandekommen sozialer Beziehungen, anonymisieren den Alltag der Bewohner und gefährden den Fortbestand der ohnehin schon fragilen sozialen Netzwerke. Ein zeitgemäßes, idealtypisches geriatrisches Zentrum sollte hier grundsätzlich andere Wege gehen. Die Pflegeabteilungen sind deutlich zu verkleinern, denn den meisten alten Menschen gelingt es nur in kleinen, überschaubaren Gruppen, sich zu öffnen und soziale Nähe zuzulassen. Familienähnliche Kleingruppen, unterstützt durch eine entsprechend kleinräumliche bauliche Gestaltung, erleichtern den Bewohnern die Orientierung und fördern die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung sozialer Kontakte. Und dies kann nur in räumlicher Nähe zum vertrauten Umfeld, sprich im eigenen Quartier erfolgen. 4. In den letzten Jahren hat sich in der Altenhilfe der Grundsatz durchgesetzt, dass alten Menschen so lange wie möglich ein unabhängiges Leben in ihrer vertrauten Umgebung ermöglicht werden sollte. Die Wohnung und einzelne Objekte in ihr sind für sie in besonders hohem Maße Träger von Erinnerungen und damit Teil ihrer Biographie und ihrer individuellen Identität. Das wohnortnahe geriatrische Zentrum kann diesen neuen Ansatz unterstützen, indem beispielsweise eine Wohnberatungsstelle angliedert wird, die alle notwendigen Wohnungsanpassungsmaßnahmen für ältere Menschen im Quartier organisiert und koordiniert. 5. Für ältere Menschen sind Gefühle der Geborgenheit und des Zuhauseseins von besonders großer Bedeutung. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten räumlichen Umgebung und der Geborgenheit in eben dieser Umgebung trägt wesentlich zur Erhaltung bzw. Steigerung der Lebenszufriedenheit, des Wohlbefindens und der Gesundheit im Alter bei. Die städtebauliche und architektonische Planung vieler geriatrischer Einrichtungen zeigt deutlich, dass diese Zusammenhänge den Planern lange Zeit völlig unbekannt waren. Die kasernenartigen Gebäudestrukturen am Ortsrand mit stereotypen Mittelflurerschließungen, die unzureichende Belichtung und Beleuchtung der Räume sowie die falsche Farb- und Materialwahl lassen solche Einrichtungen unpersönlich wirken. Geborgenheits- oder gar Heimatgefühle können hier nicht aufkommen. In der vorliegenden Arbeit wurden zahlreiche Elemente eines zeitgemäßen Gegenentwurfs präsentiert. Architektonische bzw. baukonstruktive Aspekte wie warme Farbtöne, eine helle Belichtung und eine gemütliche Beleuchtung, gemusterte Tapeten und Parkettfußböden sowie kleinteilige, eher unebene Wandflächen mit Vertrautheitscharakter können wesentlich dazu beitragen, dass sich alte Menschen in einer solchen Einrichtung wohl und geborgen fühlen. 6. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass eine sowohl anregende und stimulierende wie auch sichere und orientierende Umgebung für ältere Menschen von größter Bedeutung ist. In den meisten herkömmlichen geriatrischen Einrichtungen werden Sicherheitsanforderungen einseitig überbewertet. Dies folgt dem veralteten Defizitmodell des Alters. Anregende und stimulierende Umweltbedingungen werden dagegen vernachlässigt. Ein bedürfnisgerechtes geriatrisches Zentrum sollte zwischen beiden Anforderungsaspekten vermitteln. Beispielsweise dienen barrierefreie und rutschsichere Wege sowohl der Sicherheit der Bewohner als auch der Erhaltung und Förderung ihrer Mobilität und vielem mehr. 7. Von höchster Bedeutung ist der Grundsatz „Prävention vor Rehabilitation, Rehabilitation vor Pflege“, der seit dem Inkrafttreten des Pflegeversicherungsgesetzes im Jahr 1996 die Altenhilfe bestimmt. Dahinter steht die Abkehr von dem lange Zeit vorherrschenden „Pflegefalldenken“, das Pflegebedürftigkeit als quasi schicksalshaften, endgültigen und unumkehrbaren Zustand begreift. Im Vordergrund zeitgemäßer Altenhilfe und Altenpflege sollte das Ziel stehen, Pflegebedürftigkeit durch die Stärkung der Präventions- und Rehabilitationsanstrengungen so weit wie möglich zu vermeiden bzw. zu überwinden. Das derzeitige geriatrische Versorgungssystem in der Bundesrepublik entspricht diesen Anforderungen insbesondere im ambulanten Bereich nicht. Die räumliche wie organisatorische Zersplitterung der Einrichtungen verhindert eine wirkungsvolle Koordination der Rehabilitation. An diesem Punkt wird die Bedeutung eines integrierten geriatrischen Zentrums besonders deutlich, wie es in der vorliegenden Arbeit entwickelt wurde, da hier sämtliche stationären, teilstationären und ambulanten geriatrischen Versorgungseinrichtungen unter einem Dach zusammengefasst sind, um den alten Menschen zu ermöglichen, die unterschiedlichsten Pflege- und Rehabilitationsangebote in vertrauter Umgebung in Anspruch zu nehmen. 8. Zu den zentralen Prinzipien eines geriatrischen Zentrums sollte jenes der Gemeinwesenorientierung zählen. Für die Lebenszufriedenheit und die Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit älterer Menschen ist es zum einen von entscheidender Bedeutung, dass sie alle wichtigen Einrichtungen in fußläufiger Erreichbarkeit vorfinden. Zum anderen benötigen die älteren Menschen zur Aufrechterhaltung ihrer Autonomie ein ausreichendes Angebot an quartiersbezogenen ambulanten und teilstationären Einrichtungen bzw. Diensten der Altenhilfe und -pflege. Tatsächlich aber folgen die meisten geriatrischen Einrichtungen bislang nicht dem Prinzip der Gemeinwesenorientierung, sondern jenem der Gettoisierung, indem die alten und kranken Menschen in Stadtrandlagen untergebracht und somit von ihren gewachsenen sozialen Netzwerken abgeschnitten werden. Für ein idealtypisches geriatrisches Zentrum ist daher eine zentrale innerstädtische Lage unabdingbar. Es sollte der räumliche Mittelpunkt eines Quartiers sein, um auch ein sozialer Mittelpunkt seiner Bewohner werden zu können. Für die alten Menschen hat dies mehrere entscheidende Vorteile. Erstens wird ihrer sozialen Entwurzelung vorgebeugt; sie bleiben in ihrem vertrauten Quartier und können ihre bestehenden sozialen Kontakte weiter pflegen. Zweitens können die alten Menschen auch weiterhin die ihnen vertrauten Infrastruktureinrichtungen wie Läden, Cafés, Verkehrsmittel, Dienstleistungen etc. nutzen; dies gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Eigenaktivität in vielen Bereichen des täglichen Lebens aufrechtzuerhalten. 7. Einordnung in die Forschung und Ausblick Zusammenfassend zeigen die Erkenntnisse meiner Arbeit, dass Architektur nur dann den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden kann, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und in Form einer interdisziplinären Vorgehensweise Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Sozialökologie, Stadtsoziologie, Psychologie und Medizin für die Planung bedarfs- und nutzergerechter Stadt- und Architekturplanungen zu berücksichtigen weiß. Architektur hat dem Menschen zu dienen, indem seine Bedürfnisse in den Fokus aller Entscheidungen gestellt werden. Bevor ich zum Ende meines Vortrages komme, möchte ich noch auf einige Fragestellungen hinweisen, die im Rahmen der Beschäftigung mit diesem Thema aufgeworfen wurden und als Themen für kommende wissenschaftliche Arbeiten dienen können. Beispielhaft möchte ich hier nennen: 1.Unter welchen Bedingungen kann die Remigration von Heimbewohnern gefördert werden? 2.Welche soziologischen Ergebnisse zeigen Untersuchungen zu Wohnbedürfnissen von Heimbewohnern unter Berücksichtigung der Tatsache, dass über 80% der Bewohner weiblich sind. Und zum Schluss bleibt als Forschungsdesiderat zu nennen: 3. Welche qualitätssichernden nutzerorientierten Zertifizierungsmodelle für neue Wohnformen und bestehende Einrichtungen sind möglich? An dieser Stelle möchte ich meinen Vortrag beenden und mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.
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